Laute Frauen - Stille Männer (?)

Schweigsame Männer und Frauen, die laut, ja, vielleicht sogar zur Furie werden. Davon handelt dieser Artikel. Welche Dynamiken stecken dahinter?

 

Aktuell begleite ich gleich mehrere Paare, die diese Dynamik erleben. Der Mann leidet darunter, dass die Frau regelmässig laut, ja, vielleicht sogar handgreiflich wird. Und die Frau leidet darunter, dass der Mann so schweigsam, z.T. sogar abwesend ist. Er ist lieber still und teilt sich nicht mit und in Streitgesprächen zieht er sich zurück, während die Frau ihn angreift und vielleicht auch verfolgt, wenn er sich zurückzieht. 

 

Ich beginne gleich bei den Kindheitserlebnissen, die sich hinter diesem Phänomen verbergen.

Die Frau wird sehr wahrscheinlich erlebt haben, dass ihr Vater keine Zeit mit ihr verbrachte oder wenn er physisch zwar da war, trotzdem abwesend war. Das kleine Mädchen war bemüht, um jeden Preis ihren Vater zu erreichen und seine Liebe zu spüren. Doch sie erhielt eher das Gefühl, dass sie lästig war oder nur Kontakt haben konnte, wenn sie genauso war, wie ihr Vater sich das wünschte. Es ging also nie um sie, sondern nur um das Bild von ihr, das sie ihrem Vater vermitteln musste, um seine Liebe zu bekommen. Vielleicht begehrte sie auf, wurde laut und versuchte so Aufmerksamkeit zu bekommen. Sie provozierte ihren Vater so lange, bis sie seine Gefühle spürte, selbst, wenn es Wut war. Das war besser als nichts. 

 

Transgenerationale Traumata

Hinter dem Verhalten dieses Beispielvaters verbirgt sich wiederum ein Drama. Denn er hatte in seiner Kindheit sehr wahrscheinlich gelernt, dass seine Gefühle nicht wichtig waren und die Kommunikation darüber auch nicht. Hier sind Traumata im Gange, die unsere Gesellschaft durchziehen. Fast alle Menschen tragen diese Strukturen in ihren Ahnen:innenreihen und geben sie von Generation zu Generation weiter. Ausser, jemand von der Ahnen:innenreihe stoppt diese Dynamik und löst sie auf, was in der aktuellen Zeit verbreitet geschieht. Zum Glück. Denn unsere Gesellschaft braucht dringend Heilung. 

 

Welches Erlebnis hatte der schweigsame Mann? Da zeigt sich oft, dass eine instabile Mutter da war, um die sich der kleine Junge kümmern musste. Wenn er tat und leistete, dann bekam er die Liebe von seiner Mutter. Seine Bedürfnisse spielten dabei keine Rolle und so lernte er auch nicht, diese wahrzunehmen. Vielleicht machte er sogar die Erfahrung, dass die Mutter wütend wurde, wenn er auch mal etwas wollte. Vielleicht bezeichnete sie ihn als anstrengend und bestrafte ihn mit Liebesentzug. Der kleine Junge lebte in permanenter Unsicherheit, ob ihn seine Mutter angreifen oder verlassen (auch innerlich möglich, in Form von z.B. Depression) würde. Er reagierte so, dass er sich innerlich immer mehr zurückzog und immer schweigsamer wurde. Vielleicht gab es aber auch keinen Platz für ihn, weil er noch 6 andere Geschwister hatte und viel Arbeit zu tun war. 

 

Heute sind die beiden Kinder erwachsen und da unser Nervensystem Vertrautes anzieht, um sich sicher zu fühlen (selbst, wenn dies toxisch ist), reinszenieren die beiden Erwachsenen ihre Erfahrungen aus der Kindheit. Die Frau sucht sich einen schweigsamen in sich gekehrten Mann, der nie gelernt hatte, sich mitzuteilen und wenn er es tat, mit Angriff rechnen musste. Und der Mann, der die Erfahrung gemacht hatte, lieber still zu sein, weil er sonst einen Angriff riskierte und sich stattdessen auf seine Aufgabe zu fokussieren, nämlich, sich um die Frau zu kümmern. In seinen Augen ist sie hilflos und schwach. So, wie er seine Mutter erlebt hatte. Er bzw. sein Nervensystem ist felsenfest davon überzeugt, dass seine Frau ihn braucht. Daher kommt auch das Gefühl der Frauen, von ihren Männern nicht ernst genommen zu werden. Ein Teil des Mannes nimmt seine Frau nicht ernst, aufgrund von Projektionen, basierend auf früheren Erlebnissen.

 

Die Frau hingegen versucht mit Streit und ihrer Furie Kontakt herzustellen, so, wie sie das bereits als Kind getan hatte. Denn, wenn sie laut wurde, dann reagierte ihr Vater. Sie will um jeden Preis ihren Mann spüren und wenn es seine Wut ist. Wenn er sich aber zurückzieht, dann aktiviert das ihre Verlustangst und sie eilt ihm nach (verbal oder physisch). Der kindliche Teil versucht durch ihren Mann Sicherheit zu erhalten, dass sie lebenswert sei. 

 

Doch das ist das Problem. Wenn unsere kindlichen Anteile aufeinandertreffen, erzeugen wir viel Leid. Erstens projiziieren wir Dinge auf unseren Partner:in, die nicht der Realität entsprechen und zweitens versuchen wir den anderen zu missbrauchen, indem wir erwarten, dass der andere unsere Wunden heilt. Dafür ist er nicht zuständig. Das ist die Aufgabe von jedem selbst. Und funktioniert auch nur, wenn ich es selbst tue und Verantwortung für meine Themen übernehme, dann kann die Heilung beginnen. 

 

Ich werde den Artikel vermutlich weiter ergänzen. Es kommen immer mehr Aspekte hinzu, die ich wichtig finde und dann teile ich diese gerne hier wieder mit euch. 

 

Bei Fragen darfst du dich sehr gerne per Mail melden. 

 

Herzlich, Sandra